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Gedanken zu Dave Eggers “The Circle”

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Dave Eggers - The Circle

Seit einigen Jahren bevorzuge ich Literatur, die sich mit den Veränderungen unserer Gesellschaft beschäftigt. Wie die Digitalisierung uns verändert, wie die digitale Gesellschaft in wenigen Jahren aussehen kann, sind die Themen in den Büchern. Eine spannende Entwicklung vollzieht sich hier vor unser aller Augen und wir brauchen nur uns selbst zu beobachten, was sie mit uns macht, um einen Ausblick auf den weitreichenden Wandel zu bekommen. Von neurologischen Veränderungen, bis zu neuen Berufsfeldern, die sich von Jahr zu Jahr erschließen, unseren Umgang mit Wissen oder unserem Alltag lässt der digitale Wandel nichts so, wie es einmal war. Selbst wie ich in den 90ern aufgewachsen bin, unterscheidet sich gravierend von der Situation, die Kinder jetzt vorfinden.

Aber wo führt das alles hin? Dave Eggers zeichnet in seinem Roman “The Circle” eine interessante Vision von dem, was in wenigen Jahren auf uns zukommen kann. “Hier ist die Rede von meiner Generation, ich fühle mich dem hingezogen und bin gleichzeitig irritiert, von der Naivität, wie alles geglaubt, gekauft und gefeiert wird,” schrieb ich zuerst in meinem Lesetagebuch und hier möchte ich das mal ein bisschen weiter ausführen. (Achtung: Spoiler!)

Ausgangpunkt ist ein großes Internetunternehmen, der Circle, für das höchstwahrscheinlich Google Modell stand, wie an mehreren Stellen angedeutet wird. Mae Holland führt uns als Frischling in die fragile Kindergartenwelt aus Ja-Sagern, Selbstbeweihräucherung, exzessivem Tracking von allem, was sich messen lässt, ständiger Optimierung und Bewertung. Jede abweichende Meinung wird mit scheinheiligen Gründen wegargumentiert, jeder Kritiker in weichen, wattigen Worten eingelullt.

Alles ist durchdigitalisiert. Mit einer Batterie an Bildschirmen wird der schnelle Aufstieg von Mae im Circle karikiert. Jede neue Aufgabe bekommt einen neuen Bildschirm, sodass zum Ende hin neun Stück ihren Schreibtisch zieren. Alles ist transparent. “Papier ist für mich ein Problem, weil damit jede Kommunikation stirbt,” sagt Josiah zu Mae in einem Feedbackgespräch. Hier ist das Verhältnis der Apologeten rücksichtsloser Transparenz, oder sagen wir Überwachung, zu ihren Kritikern im Vergleich zu unserer heutigen Situation gekippt. Es regieren naive Idealisten, die alle Probleme mit noch mehr “Transparenz” lösen wollen, die ihre Leitworte den Circle-Mitarbeitern indoktrinieren und damit die Welt zu retten versuchen.

Jeder, der nicht mitmacht, gilt als “asozial”, will sich nicht zu einem besseren Leben verhelfen lassen. Die Community ist gütig zu jedem, Konflikte sind nicht existent – genauso wenig wie Spannung, Abenteuer, Erlebnisse. “Du bist langweilig geworden,” sagt Maes Ex Mercer zu ihr. Er ist einer der wenigen mahnenden Weisen in diesem Roman. Der Circle schafft mit seiner Vision die oberflächliche Hülle einer früheren erlebnisreichen, interessanten Gesellschaft.

Und wir stehen an der Schwelle, ähnliches zu schaffen. Viele sagen, sie könnten sich kaum noch auf längere Texte konzentrieren. Genauso viele fühlen sich abgestumpft gegenüber der vielen verfügbaren Informationen durch Social Media und dem Internet. Alles kann, nichts muss und trotzdem befürchten wir, etwas zu verpassen, wenn wir nicht ständig über Facebook und Twitter auf dem Laufendem bleiben. In seinem Buch “Payback” beschrieb Frank Schirrmacher eben diesen unstillbaren Durst nach Informationen, den auch Mae im Circle erfährt, je tiefer sie hineingezogen wird. Doch er bringt uns nicht voran. Er lässt uns eher noch zurückfallen, wie es Umair Haque in seinem Text “The Bullshit Machine” beschreibt:

And therein is the paradox of the bullshit machine. We do more than humans have ever done before. But we are not accomplishing much; and we are, it seems to me, becoming even less than that.

Im Circle-Universum werden Probleme mit Onlinepetitionen gelöst, Initiativen mit Smiles unterstützt und Unliebsames virtuell mit Frowns bombardiert. Mae bekommt eine Panikattacke, als ihr gewahr wird, dass sie einer arabischen Terrormiliz ein Frown schickte und sie gegen sich aufgebracht haben könnte. Während des Lesens kann man das gerne von oben herab belächeln, aber wie viele Onlinepetitionen habt ihr denn schon unterschieben, anstatt auf der Straße zu demonstrieren oder einer NGO einen kleinen Beitrag zu spenden?

Ist doch nicht alles so weit hergeholt, nicht wahr? Wir können froh sein, dass sich noch immer Tausende finden, um wie an diesem Wochenende bei der Freiheit Statt Angst zu demonstrieren. Noch können wir über die Handlungen von Mae lachen, doch wie lange wird es dauern, bis wir das als selbstverständlich ansehen? Ich möchte, ehrlich gesagt, nicht in einer Welt leben, in der der Weg des geringsten Widerstandes erwünscht ist, in der es keine Geheimnisse, Abenteuer oder Liebe mehr gibt. Deshalb finde ich es wichtig, dass in Büchern nicht nur ein weit entferntes Dystopia gezeichnet wird, über das wir nur den Kopf schütteln und denken: “Das kann uns zum Glück nicht so schnell passieren.” Der Circle ist zum Greifen nah – aber wollen wir das wirklich?

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